Posted 15 May 2012 - 20:05 Uhr
Für alle die Ewigdiskussionen satt haben!!!!!!!
Knieschleifen!?
Die folgenden Seiten sind entstanden, als ich gefragt wurde, ob ich jemandem das "Hanging Off" fahren relativ gefahrlos beibringen kann. Daraufhin habe ich versucht, mir bewußt zu machen, was genau ich selber alles beachte und tue, um flott um die Kurve zu kommen.
Der Hanging Off Kurs.
Für das Üben der Fahrtechnik *Hanging Off* müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein.
1. Ich bin ein Poser, oder ich fahre wirklich so gut/schnell, daß es eine nützliche Technik ist, da ich sonst mit allem möglichen Geraffel aufsetze.
2. Ich bin ein Poser, oder ich habe wirklich eine Strecke die ich so gut/schnell fahre, dass ich es dort sinnvoll ausprobieren kann.
Diese Strecke sollte relativ kurz (3-4 Kurven reichen) sein und moeglichst gleichmässige Radien im Geschwindigkeitsbereich zw. 60 und 80 km/h haben. Die Kurven sind idealerweise groesser als 120 Grad, toll sind 180 Grad, da man in der Kurve noch etwas Geschwindigkeit zulegen kann und mehr Zeit zum Variieren hat. Die Kurven sollten nicht ineinander übergehen, sondern es sollten kurze Geraden dazwischen liegen. Der Asphalt sollte moeglichst eben und griffig sein. Wichtig ist, dass man die Strecke schon wirklich gut beherrscht. Ideal ist eine Rennstrecke wg. der gebotenen Sicherheit, allerdings sind die richtigen Heizer da das Problem und brennen einen fuerchterlich innen und aussen gleichzeitig her.
So, und nun geht es schrittweise zum Hanging Off. Wer nicht Material und Gesundheit riskieren will, sollte so relativ risikoarm an *Hang-Off* heranzufuehren sein.
Übung1
Eine sehr leichte Übung. Auf der vorseitig näher beschrieben Straße fährt man ein paar mal auf und ab, bis man sich schon schön warmgefahren hat. Das ganze konventionell und klassisch sitzend mit dem Speed den man dort eben normalerweise fährt. Beim routinierten Fahrer sollten hier (bei den meisten Motorrädern) aufsetzende Fahrzeugteile die Schräglage begrenzen.
Na, das war doch einfach, oder?
Übung2
Ebenfalls recht leicht. Man wiederholt obige Übung mit dem Unterschied, daß man VOR dem Anbremsen der Kurve seinen Hintern ca. 10-15 cm zum Kurveninneren setzt. Das kurveninnere Knie bleibt dabei unbedingt am Tank, es schiebt sich lediglich deutlich weiter nach vorne. Das kurvenäußere Bein liegt mit dem Oberschenkel an der Tankkante.
Nochmals: Es wird nur der Hintern leicht nach innen gesetzt, sonst nichts. Diese Sitzhaltung wird bis zur VOLLSTAENDIGEN Beendigung der Kurve beibehalten. Diese Sitzhaltung alleine ermöglicht schon mehr Kurvengeschwindigkeit, bei dieser Übung wird aber nichts riskiert und weiterhin die alte Kurvengeschwindigkeit gefahren. In viele Fällen sogar einen niedrigere. Man wird sich dabei noch nicht richtig wohl fühlen - irgend etwas stimmt noch nicht. Dazu gleich mehr. Wichtig ist, den Hintern beim Umsetzen vollständig von der Sitzbank zu lösen, sich also leicht in die Rasten zu stellen, damit keinerlei Unruhe beim Umsetzen entsteht, nur so klappt es dann später auch in schnellen Wechselkurven. Die ganze "Energie" beim Umsetzen darf nur aus den Beinen kommen, Klimmzüge am Lenker schaffen Unruhe im Fahrwerk.
Übung3
Ein etwas schwierigerer aber auch größter Schritt zum *Hang Off*. Wie oben erwähnt, fühlt man sich bei Übung 2 meist noch nicht richtig wohl, da man zunächst das Gefühl hat, nicht mehr 100%ige Fahrzeugkontrolle zu haben. Das wird jetzt geändert.
Das Unwohlgefuehl liegt meist daran, daß der Fahrer geneigt ist, sich bei diesen Versuchen am Lenker festzuhalten, da er den Knieschluß nicht mehr in dem Maße hat, wie bei konventioneller Fahrweise. Also konzentriert man sich als nächstes auf seine Sitzhaltung. Dazu lehnt man den Oberkörper etwas stärker nach vorne zum Kurveninneren und versucht sich nur mit Hilfe der Rücken- und Bauchmuskulatur in dieser Sitzhaltung zu halten, ohne die Arme zu belasten.
Ungewohnt wird jetzt der unterschiedliche Beugungswinkel der Ellenbogen sein. Der kurveninnere Ellenbogen ist viel stärker gebeugt als der äußere. Bei Sportmotorrädern mit breitem Tank (ZXR, YZF, GSX-R, CBR 900, nicht 600) kann man den kurvenäußeren Unterarm an den Tank legen und so mehr Kontaktfläche (Sicherheitsgefühl) zum Motorrad herstellen. Leichter wird die Sache, wenn man den Kopf nach wie vor gerade hält.
Diese Sitzhaltungsänderung bringt zweierlei mit sich:
a) Ist die Vorderpartie sofort ruhiger wenn man das Motorrad *machen läßt* und den Lenker nicht FESThaelt.
b) Wird durch die nach vorne geneigte Sitzhaltung das Gefühl für das Vorderrad deutlich verbessert. Diese Übung wiederholt man jetzt erst einmal ein paar Tage lang. Dabei wird sich anfänglich eine etwas eirige Linie einschleichen. Das liegt daran daß die gewählte Linie nicht mehr mit der gewählten Geschwindigkeit übereinstimmt. Das ist also eigentlich ein Erfolg, da man den verschobenen Schwerpunkt und dessen Auswirkung jetzt spürt. Trotzdem sollte man die Geschwindigkeit noch nicht mit Gewalt anpassen und das Motorrad lieber vorerst etwas aufrechter durch die Kurve bewegen, so lange man die Fahrtechnik bis hierher noch nicht völlig verinnerlicht hat. Meist ist das die Phase, in der man gefährlicherweise diese etwas aggressive Sitzhaltung durch einen ebensolchen Fahrstil ergänzen möchte, also Vorsicht.
Jetzt muß man zunächst damit leben, daß die Turnübungen etwas albern aussehen, da sie bei der gefahrenen Geschwindigkeit nicht nötig sind. Aber zum einen wird die Übung ja nur auf dem ausgesuchten Streckenabschnitt gefahren und zum anderen zwingt einen ja niemand zum *Hang Off* - also kann man es ja lassen.
Übung4
Inzwischen fährt man auf der ausgesuchten Strecke schon ohne Nachdenken im *Hang Off*. Alles geht selbstverständlich, bis auf die Tatsache, das seit Wochen der Reifen nicht mehr auf der Kante war - Scheiß *Hang Off*. Also sollte man jetzt die Überlegung anstellen, ob man doch wieder konventionell fährt und sich das alberne Gehampel spart oder ob man den fahrphysikalischen Vorteil in, zugegeben unvernünftige, höhere Kurvengeschwindigkeit umsetzen soll.
Für zweiteres sollte man jetzt - und wirklich jetzt erst - seine Kurvengeschwindigkeit langsam steigern. Dabei immer wieder an Übung 1-3 denken. Gasspiele in der Kurve unbedingt vermeiden. Langsam in die Kurve einfahren und in der Kurve beschleunigen (gilt selbstverständlich nur für die Übungsphase), bis die Schräglage ein wenig gesteigert ist und immer wieder aufs Neue. Unbedingt zunächst nur auf der vorher ausgesuchten Strecke üben.
Übung5
Der Kniff mit dem Knie, wirklich erst nach einigen Wochen. Jetzt kommt der Zeitpunkt, ab dem man sich seine Schleifer nicht mehr gebraucht kaufen muß (Vorsicht auch vor Winkelschleifern, die machen unrealistische, kreisförmige Spuren!). Die Schräglage des Motorrades ist nun annähernd die gleiche wie vorher, nur die Geschwindigkeit ist höher.
Die meisten unmodifizierten Motorräder haben, wie schon erwähnt, aufsetzende Fahrzeugteile am Boden, noch bevor die Haftgrenze von Sportreifen erreicht ist (bekannte Ausnahmen sind z.B. 916/748 Duc). Somit ist das Knie am Boden als Schräglagensensor eigentlich nicht unbedingt erforderlich. Doch es gibt drei weitere Gründe für das Fahren am Knie.
a) Man fährt nur so gut, wie man sich fühlt. Das am Boden aufsetzende Knie gibt einem ein Gefühl der Kontrolle, das schwer zu beschreiben ist. Der Körper selbst dient jetzt als Sensor, was die Schräglage noch besser fühlbar macht, und das Gefühl, auf drei Punkten zu fahren läßt, einen lockerer um die Kurve gleiten.
b) Außerdem berührt das Knie beim *Hang Off* den Boden früher als die Raste und gibt einem beim schnellen Abwinkeln auf der Rennstrecke schon früher ein sicheres Gefühl für die Schräglage.
c) Es ist tatsächlich möglich, ein rutschendes Vorderrad über das Knie abzufangen. Das hört sich spektakulärer an, als es ist (und gehört ausschließlich auf die Rennstrecke), aber man macht automatisch das Richtige, nämlich spreizt das Knie weiter ab und kann mit viel Glück den Rutscher noch mal abfangen.
Also, jetzt geht's los, zum allerersten Mal wird jetzt (ja wirklich erst jetzt) das kurveninnere Knie abgespreizt und der Rest sollte von alleine kommen.
gruss Frank